Bohlen, Hofer und eine umfassende Neuausrichtung

Alles neu bei RTL

Im März sorgte eine Meldung aus dem deutschen Fernsehmarkt für große Schlagzeilen: RTL plant seine Zukunft ohne Dieter Bohlen. Nach fast 20 Jahren trennt sich der Sender von seinem vielleicht größten Aushängeschild. Dahinter steckt jedoch mehr als eine reine Personalentscheidung contra Bohlen – der Sender vollzieht aktuell eine umfassende Neuausrichtung im Programm. Was sich alles bei RTL verändert und was Sie zukünftig von dem Sender aus Köln erwarten können, haben wir Ihnen in diesem Beitrag zusammengefasst.

© TVNOW / Stefan Gregorowius

RTL im Laufe der Zeit

RTL ist Deutschlands größter Privatsender und sendet bereits seit 1984 Bewegtbild in deutsche Wohnzimmer. Spätestens seit den Neunzigerjahren ist der Sender zu einem der größten Player am Markt geworden und sorgt seitdem konstant für eine große Reichweite. 1997 hatte der Sender mit rund 16 % seinen bisher höchsten Marktanteil. Seit 2011 sinkt der Marktanteil des Senders jedoch stetig.

Dies ist unter anderem durch eine größere Sendervielfalt und eine veränderte Mediennutzung der Menschen in Deutschland zu erklären. Als Folge dieser Entwicklungen liegt der Marktanteil im Jahr 2020 nur noch bei 8,3 %. Ob nun diese Entwicklungen, der neue Medienstaatsvertrag und seine Regelungen zum Public-Value (wir berichteten) oder sonstige Überlegungen dazu geführt haben, eine umfassende Neuausrichtung anzugehen, bleibt wohl Interna von RTL. Fakt ist jedoch, dass sich in Zukunft einiges ändern wird.

Nachrichtenformate im Fokus

RTL will zukünftig nicht nur unterhalten, sondern ein wichtiger Teil der Meinungsbildung in Deutschland sein. Dazu will der Sender seine Nachrichtenformate optimieren, seine Reichweite erhöhen sowie mehr Factual Entertainment-Inhalte senden. Bei den Reichweiten der Nachrichtenformate ist RTL schon der Primus unter den Privatsender. Mit „RTL Aktuell“ liegt der Sender auf Platz vier hinter den Angeboten von ARD und ZDF. Diese Position will der Sender ausbauen und so zukünftig eine verlässliche und aktuelle Nachrichtenquelle darstellen. So soll auch der Fokus auf politische Berichterstattung geschärft werden. Bereits in diesem Jahr hat RTL mit der Ankündigung überrascht, erstmals eine eigene Wahlkampfsendung mit den Kanzlerkandidat:innen zu organisieren. Zwei weitere Entscheidungen, die klarmachen, wie ernst es dem Sender ist, Nachrichtenformate auf allerhöchstem Niveau anzubieten, wurden ebenfalls schon getroffen: Zum einen kommt Politprofi Nikolaus Blome zum Kölner Privatsender. Darüber hinaus konnte man sich bei RTL die Dienste von Tagesschau-Kult-Sprecher Jan Hofer sichern.

Familienfreundliches Programm

Auch abseits von Nachrichten und Factual Entertainment will der Sender sich wandeln und modernisieren. RTL will familienfreundlicher werden und ein friedvolleres Programm senden. 

TVNOW / Stefan Gregorowius

Dieses Vorhaben unterstreicht RTL-Chef Reichart, wenn er unter anderem sagt: „Bei allen gesellschaftlichen Spaltungstendenzen registrieren wir einen zunehmenden Wunsch nach Gemeinschaft und Nähe“ und anfügt: „Wir setzen auf positive Unterhaltung, auf großes, innovatives Familienfernsehen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, muss auch Bohlen den Sender verlassen. Der einstige „Poptitan“ hat schon immer polarisiert und seinen Humor oft auf Kosten anderer aufgebaut. Damit trifft Bohlen wohl immer weniger den aktuellen Zeitgeist und Reicharts Wunsch nach „Gemeinschaft und Nähe“. Trotzdem ist es eine große Entscheidung des Senders, die Zukunft ohne Bohlen zu planen. Seit 2002 die erste Staffel DSDS ausgestrahlt wurde, ist Bohlen das Gesicht von RTL. Als einziger Dauerbrenner verpasste er weder eine Staffel DSDS, noch eine Staffel von „Das Supertalent“. Reichart hält aber auch zu diesem Thema fest: „DSDS hat auf hohem Niveau nach und nach Marktanteile verloren. Deshalb bekommt die Sendung ein neues Konzept und eine neue Jury.“

Neue Gesichter

Doch Bohlen, Hofer und Blome sind nur einige Personalentscheidungen, die RTL im letzten Jahr getroffen hat. Vor allem im Hintergrund war eine umfassende Personalrochade im Gange: Seit 1. März ist Henning Tewes neuer Geschäftsführer. Zuvor war er Geschäftsleiter bei TVNOW und hat das Ressort „Programme Affairs & Multichannel“ geführt. Nun soll er den Sender zukunftsfähig ins digitale Zeitalter führen. Das Ziel der Umstrukturierung formuliert Stephan Schäfer, Geschäftsführer Inhalte & Marken der Mediengruppe, wie folgt: „Wir wollen unsere führende Position aus dem TV-Markt dauerhaft in die digitale Welt überführen. Die Voraussetzungen dafür sind hervorragend, denn wir stärken konsequent unsere Kernmarke, investieren weiterhin gezielt in eigene Inhalte und organisieren ein perfektes crossmediales Zusammenspiel. Dazu dient die organisatorische Neuordnung. Und dafür steht das neue Team an der Spitze: großartige Kreative und Programmgestalter:innen, die sich bei uns im Haus entwickelt haben und nun weitere Verantwortung übernehmen.“

Blick in den Markt

Nun bleibt es spannend, die Entwicklungen bei RTL und dem deutschen Fernsehmarkt abzuwarten. Die Veränderungen beim Kölner Privatsender sind nur ein Beispiel für viele Sender, die aktuell Ihre eigene Identität prüfen und strukturelle Veränderungen wagen. Besonders unter Berücksichtigung des neuen Medienstaatsvertrags und der besseren Auffindbarkeit für Public-Value-Inhalte, sind diese zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor geworden. Public Value, vom Gesetzgeber als „Angebote, die in einem besonderen Maß einen Betrag zur Meinung und Angebotsvielfalt im Bundesgebiet leisten“ definiert, wird also eine große Rolle spielen, will man als Sender in Zukunft relevant und erfolgreich sein. Wie andere Sender diese Herausforderung lösen und den Schritt in die digitale Zukunft angehen, erfahren sie bald – hier in unserem Blog.